Rassismus ist ein Thema, das oft durch meinen Kopf geistert, weil er so viele Fassetten hat.

des Rassismus müde

Letzten Freitag sitzen mein Freund und ich in der U-Bahn auf dem Weg nachhause. Okay, die Wahrscheinlichkeit, dass es bereits Samstag war, ist wohl sehr hoch. Zuvor waren wir nämlich, gemeinsam mit TEAM FOX, bei der Lesung eines Freundes. Danach sind wir Foxters spontan weitergezogen zu der Wohnung von einem von uns. Der Abend wurde lang und ziemlich flüssig, was nicht zuletzt auf die ziemlich obskuren Trinkspiele zurckzuführen ist, welche dem Team eingefallen sind.

TEAM FOX ist eine knallbunte Mischung aus Nationalitäten. Neben meinem venezolanischen Freund haben wir derzeit auch sehr viele Ukrainer, einen Portugiesen, einen US Amerikaner mit jüdischer Abstammung, und natürlich eine Hand voll Österreicher (eingenommen mich).
Und auch außerhalb vom Team hab ich ab und zu auch mit den orientalischeren Syrern, Türken und Arabern zu tun. Und zwar nicht wegen wohltätiger Einbringung, sondern weil sie einfach in meinem Freundeskreis verkehren.

In unserem U6 Waggon befinden sich auch noch ein paar andere Überbleibsel der Nacht: Ein offensichtlich betrunkener Wiener mit strahlend blauer Jacke, in seinen 40ern, der rechts vor uns sitzt, ein sehr ähnlicher Österreicher in Raulederjacke, welcher zwischen den Ausgangstüren, und durch eine glasscheibe getrennt, dem ersten gegenüber steht – und zuguterletzt eine Gruppe Ausländer. Woher sie waren konnte ich in dem Moment nicht wirklich erfassen. Etwas dünklere Haut, kein deutsch im Gespräch. Die geschlechtlich gemischte Gruppe steht auch zwischen den Türen, allerdings mit gutem Luftraum zu der Lederjacke. Sie unterhalten sich angeregt, aber nicht laut. Nüchtern sind die sicher auch nicht mehr, aber sie schauen definitiv besser glaunt drein als die beiden Wiener.

Beim Westbahnhof steigt die Gruppe aus. Als die Türen sich schließen und die U-Bahn sich wieder in Bewegung setzt, hebt der Sitzende den Arm und deutet auf den Stehenden:

“Des gfoit da, hm?”

“Hm?”, Lederjacke scheint nicht zu wissen, worum es geht.

Mit überschwänglichen Armbewegungen wiederholt der Sitzende: “Des gfoit da, oda?”

Als der andere noch immer nicht reagiert, und ich mich schon frage, wie ich mich in einer solch unangenehmen Situation verhalten würde, elaboriert Blaujäckchen:

“Dafür steh’n wia jed’n Tog auf.
Dafür zoin wia!”

Meine Stimmungskurve neigt sich mit einem Mal dem Südpol zu. Mir wird klar, dass ich dank seiner übertriebenen Gesten bereits erahnt hatte, worum es geht. Dafür stehen wir jeden Tag auf. Dafür zahlen wir.

Es ist eine Mischung aus Wut, Trauer, Mitleid und Angst, die sich in mir breit machen.

Wut und Trauer, weil ich es nicht verstehe, wie jemand über andere urteilen kann, welche er für fünf Minuten gesehen hat. Wie er es sich herausnehmen kann, zu sagen, dass genau diese Leute von seinen Steuergeldern leben. Wieso? Weil sie dünklere Haut haben, eine Sprache sprechen, die er nicht versteht, weil sie jung sind, und scheinbar etwas getrunken hatten?

Wenn wir jetzt mal von den syrischen Flüchtlingen sprechen: Ein syrischer Freund von mir wäre froh, wenn er arbeiten dürfte. Derzeit darf er laut der österreichischen Republik nur an seinem Deutsch arbeiten, welches ihm zwar noch unangenehm, für eine Unterhaltung allerdings absolut ausreichend ist.

Keiner weiß, ob diese Jugendgruppe nicht bereits einem Job nachgeht. Ihrer Kleidung und Partyfreunde nach zu urteilen sind sie schon länger hier und haben vermutlich zu einem großen Teil einen Job. Mit etwas Wahrscheinlichkeit einen der Jobs, den die blaue Jacke nie machen würde.

Meine Mutter hat bis vor einem Jahr mit Syrern in der Nähe von Vöcklabruck im gleichen Haus gelebt. Sie hatte ihnen bei einigen Amts- und Hospitalgängen geholfen, doch der Mann hatte sehr schnell an seinem Deutsch gearbeitet. Als sie nach Linz umziehen musste und ihre Freundesliste nach Helfern absuchte, waren diese Syrer die einzigen Helfenden, die keine Bezahlung nahmen. Sie sagten ihr, dass sie darüber nicht einmal nachdenken sollte. Und sie brachten zwei befreundete Syrer, die meiner Mutter noch nie begegnet waren, um zwei Tage lang mitzuhelfen. Alles unbezahlt.
Zu diesem Zeitpunkt war mir schon länger bekannt, dass der – heute Ex – Freund meiner Mutter die Ansichten der rechten Partei in Österreich teilte, doch im Nachhinein war ich sehr froh, dass ich – im hinteren Bereich des Autos sitzend – die Kopfhörer aufhatte, als meine Mutter auf der Rückreise lautstark mit ihm zu streiten begann: Er hatte sie als “seine Hackler” bezeichnet.

Es macht mich traurig und wütend, solche Annahmen und Aussagen über wildfremde Menschen zu hören, welche nicht einmal unangenehm laut waren in der U-Bahn. Gleichzeitig habe ich Mitleid. Nicht für die Ausländer. Die wollen das gar nicht. Sie sind zwar sehr dankbar für jede Hilfe, aber Mitleid wollen sie keines.
Aber ich schätze der blaugejackte Österreicher, dem mein Mitleid tatsächlich gilt, wäre vermutlich auch nicht all zu glücklich darüber.

Es tut mir einfach so leid, zu sehen, dass jemand sich in seinem eigenen Leben so unwohl fühlt, dass er so verzweifelt nach einem Boxsack suchen muss, an dem er seine Wut auslassen kann. Er tut mir leid, weil er nicht versteht, dass er von den Plakaten der rechten Partei auf dreisteste Art manipuliert wird.
Er tut mir leid, weil er nicht sieht, wie gut es ihm geht.

Mein Freund kommt aus Venezuela. Ein Land, in dem die Menschen derzeit nach ihrer Reisepassnummer eingeteilt werden, an welchen zwei Wochentagen sie sich um zwei Häuserecken vor’m Supermarkt anstellen dürfen, nur um dann glücklich sein zu müssen, sollte das Toilettenpapier oder die Zahnpasta noch nicht ausverkauft sein. Ein Land, welches die Einwohner illegal verlassen müssen, um Medikamente hinein zu schmuggeln, weil sie selbst einfach keine mehr haben. Ein Land vor dem ich Angst habe, dass es meinen Freund irgendwann nicht mehr einreisen lässt, um seine Familie zu sehen, ohne ihn danach nicht mehr ausreisen zu lassen.

Wie betrifft das uns? Sogut wie gar nicht. Und genau das ist mein Punkt. Wir haben alles. Es stellt mir alle Haare auf, wenn ich die alte Dame im Supermarkt sehe, die sich darüber aufregt, dass es ihr Lieblingsjoghurt nicht mehr gibt. Und doch, wenn ihr der Sauerrahm kurz darauf hinunterfällt, ist es mein venezolanischer Freund – und nicht die umstehenden Österreicher – der zu ihr eilt und ihn für sie aufhebt.

Menschen, die nicht wissen, wie gut es ihnen geht, tun mir inzwischen leid. Ich hab auch einmal dazu gehört. Doch, auch wenn die Medien die Kriese in Venezuela nur kurz gestreift haben, auch wenn das alles lange nach dem Ausreisen meines Freundes zustande gekommen ist, so wissen wir alle, dass Menschen nur selten gerne ihre Heimat verlassen. Flüchtlinge reisen nicht aus lauter Spaß an der Sache tausende Kilometer über Autobahn und Stacheldraht.

Das ist die tragische Realität in Syrien. Ich wage zu bezweifeln, dass sowohl das Blaujäckchen sowie die braune Raulederjacke mit ihrer Familie hier bleiben würden, würde Wien in diesen Zustand gebracht.

Doch auch Wirtschaftsflüchtlinge, welche so verpöhnt sind, sollten nicht gestraft werden für ihre Entscheidung ein besseres Leben zu suchen. Das Konzept der Völkerwanderung ist so alt wie die Menschheit. Seit jeher haben wir versucht, uns und unseren Familien die beste und sicherste Zukunft zu schenken. Wir Österreicher sind zum größten Teil hier, weil irgend einer unserer Vorfahren beschlossen hat, sich hier ein besseres Leben zu machen. In Zeiten vor motorisiertem Verkehr waren die Abstände vielleicht kleiner und man ist von Bundesland zu Bundesland gereist, die Effekte waren allerdings die gleichen, da die Wirtschaft auch auf kleinerem Rahmen gearbeitet hat.

Es ist keine Schande, sein Land zu verlassen, wenn man weiß, dass man wo anders eine bessere Zukunft finden kann. Wir haben vergessen, wie gut es uns geht. Und wir sollten uns schämen, über andere zu urteilen, welche dies sehr wohl sehen können und sich etwas ähnliches für sich und ihre Familie wünschen.

Bevor ich nun aber zu dem Punkt komme, wieso mir Blaujäckchens Aussage Angst macht, sollte ich noch erwähnen, dass mir bewusst ist, dass es auch schwarze Schafe gibt. Natürlich gibt es auch Kriminelle und diejenigen, die das System ausnutzen. Das Problem daran ist, dass die meisten Rechswähler auf meine oben erwähnten Freunde mit “Ja, der ist nicht so, aber der Rest…” reagieren würden.
Dabei ist es eher andersrum. Die Anzahl der Kriminellen und Systemparasiten ist viel kleiner als die Anzahl der Menschen, die sich in die österreichische Gesellschaft einbringen wollen, die sich dringend eine Arbeit wünschen. Zur Kriminalität wenden sich nur Menschen, die sich ihrer Verzweiflung ergeben haben. Verzweiflung, die unter anderem aus Fremdenhass ersteht. Das macht es natürlich nicht richtig. Und trotzdem ist es eine Tatsache, die viele Leute gerne der Einfachheit halbeer übergehen: Wir mögen alle ein unterschiedliches Temperament oder unterschiedliche Glaubenssätze haben, aber im Endeffekt kommt alles daruf zurück, dass niemand fundamental böse ist. Wenn jemand Taten begeht, die anderen Menschen schaden, so ist das das Resultat dessen, was er in seinem Leben erlebt oder nicht erlebt hat. Ich schätze, jeder würde irgendwann knicken, wenn er für eine bessere Zunkunft in ein neues Land käme und nur Hass vorfinden würde.

Was mir Angst macht, ist, was die Blaujacke dazu bewegt, diese Kommentare von sich zu geben, sich genau gegen einen der schwächsten Teile unserer Gesellschaft zu wenden.

Trump’s Sieg in der US Amerikanischen Präsidentschaftswahl macht mir Angst. Die Tatsache, dass in der österreichischen Bundespräsidentenwahl liberal nur wegen 30.000 Stimmen gegen rechts gewonnen hat macht mir Angst. Es macht mir Angst, dass wir diese Wahl wiederholen müssen, weil ein Richter einen Zwist mit dem liberalen Kandidaten hatte.

Wir stehen nun vor dem vierten Anlauf, diese Wahl zu beenden und die verhältnissmäßig unwichtige Rolle des österreichischen Bundespräsidenten endlich zu belegen. Diese Wahl hat sich von peinlich zu lächerlich verändert. Und gleichzeitig gibt sie der rechten Partei mehr und mehr Möglichkeit, über die Medien die Glaubenssätze der Österreicher zu manipulieren.
Denn wenn die FPÖ etwas kann, dann ist es werben und manipulieren. In der Politik haben sie sich noch nie bewiesen.

Sie schüren Angst und Hass, wo diese nicht notwendig wären. Sie spalten eines der wohlhabensten Länder der Welt, dessen Hauptstadt als die viert lebenswerteste gilt.

Sie machen die Leute glauben, dass sie ihr schönes Leben verlieren könnten, wenn andere Kulturen zu uns kommen, und machen sie vergessen, dass unsere Kultur – wie jede andere auch – eine Mischung vieler Kulturen ist. Der Wiener Kaffee, das Gulasch, der Apfelstrudel und ja, auch Rauschnahrung Nummer eins, Kebab. All das haben nicht wir erfunden, lediglich weiterentwickelt.

Wenn es so weitergeht, verlieren wir nicht unsere Kultur sondern ruinieren unser schönes Leben gemeinsam mit unserer Empathie, Menschlichkeit, Lebensfreude und Dankbarkeit.

Ich bin des Rassismus müde. Ich bin dieser Wahl müde. Und trotzdem werde ich nicht einschlafen. Denn es sind die Leute, die für Menschlichkeit aufstehen und sich keine Angst machen lassen, welche den Unterschied machen.

Und diese sind in Österreich immerhin um 30.000 in der Mehrheit. Und ich bin stolz, einer davon zu sein.

 

 

Nachtrag 5.12.2016: Danke Österreich, dass du mir gezeigt hast, dass es in diesem Land zwar noch zu viel unausreichende politische Bildung, aber trotzdem noch genug Menschlichkeit gibt:
Van der Bellen, der liberale Kandidat hat mit ein paar Prozent Mehrheit gewonnen.

hofervdb

 

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